Oliver Stahmann
Baumskalps
Catalogs of Artwork
Die Schönheit der versehrten Welt
Zu Photographien von Oliver Stahmann
von SYLVIA GEIST
Die Natur im Spiegel menschlicher Wahrnehmung ist das älteste Thema der Kunst – und eines, das die Wandlungen in der Auffassung von Welt und Abbild vielleicht am deutlichsten wiedergibt. Wie spätestens mit dem Aufkommen der Photographie die Malerei sich von der Pflicht zur Abbildung befreite, löste sich in den letzten Jahren mit der Erweiterung ihrer technischen Möglichkeiten die Photographie immer weitergehend von diesem Diktum. Nicht um „Naturtreue“ geht es länger, sondern in einer von Elektronenrastermikoskopen, Röntgengeräten und Chronomatographen durchleuchteten Welt um die Sichtbarmachung ihrer inneren Ordnung.
Oliver Stahmanns Blick auf Natur ist zugleich punktuell und elementar, er richtet sich auf Details und Oberflächen von Phänomenen, die uns vertraut erscheinen, und erwirkt eine neue Unvertrautheit der Dinge, die wir zu kennen meinen: Bäume und Wasser, deren Schatten und Spiegelungen.
Dass Stahmann dabei das Mittel der digitalen Behandlung nicht scheut, ist keineswegs als effekthascherischer Kunstgriff zu verstehen, sondern als Konsequenz aus der Beobachtung, dass wir es längst mit einer vom Menschen „behandelten“ Natur zu tun haben. Die Rinden der Bäume tragen Fällzeichen, kryptische Chiffren, Versalien und Namen ebenso selbstverständlich wie Wetternarben; die Oberfläche von Seen, Flüssen und Hafenbecken wird bewegt vom Schiffsverkehr und von zivilisatorischen Ausscheidungen wie Müll und Motoröl verunreinigt.
Doch Stahmanns Photographie ist nicht auf die bloße Abbildung dieser Verhehrungen und Versehrungen aus. Vielmehr bekennt sie sich zu einer Sicht, in der die Schönheit auch dort noch erkennbar bleibt, wo die Wahrheit über das Verhältnis von Mensch und Natur eine zumindest schmerzliche ist: der Mensch ist immer noch Teil der Natur, doch ihr zerstörerischster. Stahmann begibt sich auf die Suche nach den Spuren dieser zumeist sukzessiven, ja zuweilen fast konspirativen Zerstörung, er zeigt uns die Anwesenheit des Menschen in der Versehrtheit von Bäumen, wobei die Focussierung auf die Details eines Rindenausschnitts eine weitere Zuspitzung darstellt: der Mensch greift die Natur „an“, ohne indes wirklich in ihr inneres Wesen eingreifen zu können, und die Art seines Angreifens – dem stets das Begreifenwollen voranging – sagt nicht wenig über das Wesen dieses Angreifers aus.
So tauchen immer wieder Einritzungen ebenso persönlichen wie anrührend-naiven Charakters auf, etwa die alte Formel „Te amo!“, die einem Photo den Titel leiht, oder Akkumulationen von Schrift, die das Photo „Granadian Wood“ wie das Bild einer Buchseite wirken lassen. Hier waren Liebende am Werk, oder Eroberer im zeitgenössischen Gewand von Touristen, Baumbesucher mit dem menschlichsten und zerstörerischsten Wunsch, nämlich dem, eine Spur zu hinterlassen. Und es überrascht nicht, dass der menschliche Blick sich auch dort gespiegelt wiederfindet, wo er sich eigentlich noch nicht „verewigt“ hat – wie in dem Photo „Face“, wo uns Stahmann ein menschliches Profil aus der Struktur einer Rinde herausfiltert. Spätestens an dieser Stelle wird klar, welche Funktion die digitale Bildbearbeitung hier hat, das Spiel mit Kontrasten und Farben: die der Erhellung, nicht etwa einer wohlfeilen „Verfremdung“. Tatsächlich werden dem Betrachter die Gegenstände in dem Maße „fremd“, in dem er sich in ihnen wiedererkennt.
Stahmanns „Baumskalps“ – auch der Titel dieser Reihe bereits ein Verweis auf die Versehrtheit der in den Blick genommenen Natur – sind Erinnerungen an Menschen, an Einzelne, die uns ihre Nachricht „Ich war hier“ hinterlassen haben, und darin eingeschlossen die Erinnerung an den Menschen, homo sapiens, der begreifen will und angreift.
Demgegenüber setzen die Arbeiten aus der Serie „Wassermusik“ den Akzent auf das Unlenkbare, nur vage zu Beeinflussende des Elements. Rhythmen und Formen werden definiert von Strömung und Wind, der Mensch bleibt eine Randfigur am Spielfeld dieser Kräfte, will er be- und eingreifen, bedarf es einer Verschiebung grundlegender Parameter. Eine solche Verschiebung im Wortsinne betreibt Stahmann, wenn er den Blick aus der gewohnten Horizontale von Himmel und Wasser auf die Möglichkeit der Vertikale lenkt: das Wellenspiel als Architektur im Auge des Betrachters, natürliche Lichtreflexe als Erinnerungen an Lichtbögen, Funkenflug, Elektrizität.
Es ist diese Umkehrung des Blicks, der die Photographien wahrhaftig macht, als Abbilder des Tatsächlichen: es gibt keine Schubumkehr der menschlichen Bestrebung, ein- und anzugreifen, keine Rückkehr zu einer romantischen Sicht aufs Schöne, aber vielleicht den kühnen Versuch, Schönheit als etwas zu sehen, das, da der Mensch im Begriff steht, sie unwiederbringlich zu zerstören, nur von ihm wiederentdeckt und wiederermöglicht werden kann.
















